Googles Gnade"Googles Gnade" - SEO - Suchmaschinenoptimierung und Online - Marketing mit Spaß und ErfolgLeseprobe des neuen Buches "Googles Gnade" Erscheinungsdatum 15.07.2010. ISBN 9783000314339 - Verlag Jakobsweg live - 131 Seiten - € 9,90 Und du hast die Möglichkeit, deine Meinung dazu im Themenwelt - Forum abzugeben. Das Kopieren und Weiterleiten des Textes ist erlaubt, aber bitte mit Copyright- und Urheberrechtsangabe. Danke. Und nun, viel Spaß beim Lesen ! „Google suchen und befragen“, murmelte sie vor sich hin, „ha, lächerlich.“ Zunächst kamen sie wieder an den Knotenpunkt, wo der Commodore versuchte, einen der vorbeirasenden Datenpakete zu befragen – ohne Erfolg. Dann schaute er in die Richtung, in die der Hauptverkehr geleitet wurde. „Wir versuchen es dort“, sagte er, „wenn dein Google so mächtig ist, wollen die sicher alle zu ihm.“ Sie folgten den Datenleitungen, von denen eine enorme Hitze ausging. Manche verzweigten sich, bogen in verschiedene Richtungen ab und dann stießen auch neue hinzu. In der Hauptleitung konnte man wegen der enormen Geschwindigkeiten nur noch Lichtblitze erkennen. Die beiden folgten eine Weile der Datenrennbahn, bis diese nach einer Biegung in den Boden verschwand – plötzlich war alles still. „Und nun?“, wollte Semedé wissen. „Keine Ahnung“, antwortete der Commodore und schaute sich um, „du kennst dich doch hier aus.“ „Ach was. Hier war ich noch nie.“ Die beiden drehten sich um und suchten irgendeinen Hinweis. In einiger Entfernung erkannten sie Bewegungen und eine rot-blinkende Lampe. Als sie sich näherten, erkannten sie zwei in schwarz gekleidete Kreaturen, die an einer kleineren Datenleitung arbeiteten und erschraken, als der Commodore sie ansprach. „Hallo. Wir sind auf der Suche nach Google. Könnt ihr uns sagen, in welche Richtung wir da müssen?“ Einer der beiden verschmutzten Gestalten antwortete kurz und verlegen, ohne Blickkontakt aufzubauen: „Kenne ich nicht. Weiß ich nicht.“ „Der Kollege ist aber komisch drauf“, dachte der Commodore und versuchte es erneut: „Kannst du uns denn sagen, wo hier etwas mehr los ist?“ „Kann ich nicht. Weiß ich nicht“, war die Antwort. Der Commodore wandte sich mit entgeistertem Ausdruck Semedé zu. „Das sind Maschinisten – ziemlich einfach programmiert. Du kannst froh sein, dass der überhaupt mit dir redet“, sagte sie, „ich habe eine große Lichtquelle in der Ferne ausgemacht. Wenn wir Glück haben, ist das ein Server Center.“ „Hört sich gut an“, freute sich der Commodore, „da kann uns sicher jemand sagen, wie wir Google finden.“ Semedé verdrehte ihr Display: „Wir werden den Google nicht finden; und wir werden ihn schon gar nicht befragen können“, sagte sie angenervt. Aber der Commodore überhörte sie. Das dunkle Grün der Umgebung wich immer mehr einem angenehm bläulich-violetten Farbton. Die beiden näherten sich tatsächlich einem Server Center. Diese Ansammlung großer Datenserver und Router waren die Großstädte des Cyberspace. Hier konzentrierten sich Hard- und Softwaregiganten zu turmhohen Gebilden, die bis in den imaginären Himmel reichten. Der Bodenbelag war schwarz und wurde von blau-violetten Leiterbahnen durchzogen. Schwarze Türme, die optisch großen, gläsernen Wolkenkratzern glichen, reihten sich aneinander und leuchteten von innen in den verschiedensten Farben. Außen war kaum etwas zu hören, aber diese Giganten pulsierten innerlich so stark, dass man glauben konnte, die würden jeden Moment zerplatzen. „Der Boden ist gar nicht warm, trotz Datenfluss“, sagte der Commodore verwundert und schaute auf das glänzende Material. „Keramik“, erwiderte Semedé, „in diesen neueren Server Centern kommen ausschließlich Hightech Materialien zum Einsatz.“ „Warum ist es hier so still? Ist niemand da?“ „Das glaub aber mal“, sagte Semedé und schaute sich interessiert um, „eine so große Ansammlung von Servern habe ich auch noch nicht gesehen. Und das scheint erst das Randgebiet des Centers zu sein.“ Staunend machten die beiden sich in Richtung Zentrum auf; und je näher sie dorthin kamen, desto mehr war auch außerhalb der Türme los. Verschiedene Displays mit hellen, brillanten Farben, Internet-Hauptseiten, bunte Datenpakete und Hardware verschiedenster Art bewegten sich in unterschiedlichem Tempo auf der glatten Keramik voran. Auf einem großen Platz schienen einige der Internet-Hauptseiten sich auszuruhen. Der Commodore bewegte sich in ihre Richtung, den begeisterten Blick immer an den blinkenden Fassaden entlangschweifend. „Hallo. Meine Freundin und ich sind auf der Suche nach Google. Wisst ihr, wo wir ihn finden können?“ Als Antwort erhielt er nur ein abwertendes Kichern. „Na, die sind ja süß“, sagte der Commodore und versuchte es erneut. „Schieb ab, Colombo“, war die Antwort. „Bin ich denen nicht fein genug?“, fragte er und schaute zu Semedé hinüber. „Lass gut sein“, antwortete sie, „das sind HTML-Fünf-Nuller. Die halten sich für was Besseres.“ In einer nicht so prominenten Ecke des Platzes hielten sich ein paar Hauptseiten auf, die Semedé freundlich begrüßten. „Bist du etwa auch zum Webdesign hier?“, fragte eine von ihnen. „Oh, nein“, antwortete Semedé. „Da bin ich ja froh“, sagte die Hauptseite, „ich hab so schon Minderwertigkeitskomplexe. Und wenn jemand wie du zum Designen gehen müsste – das wäre ja furchtbar.“ „Danke für das Kompliment“, erwiderte sie etwas verlegen, „mein Freund und ich sind auf der Suche nach Google.“ „Machst du Witze?“, war die überraschte Reaktion, „so hübsch und dann so dumm? Ich meine, entschuldige bitte, aber Google ist doch überall. Danach braucht man doch nicht suchen.“ „Das weiß ich auch“, antwortete Semedé, „aber mein Freund da drüben hat sich in den Kopf gesetzt, Google persönlich aufzusuchen.“ „So was hab ich ja noch nie gehört“, war die gleichzeitig entgeisterte wie fassungslose Antwort. In der Zwischenzeit hatte der Commodore sich von den Promis verabschiedet und war wieder bei Semedé angekommen. „Und? Gibt es etwas Neues?“, wollte er wissen. „Nein. Nur, das die mich alle für bekloppt halten, weil du den Google treffen willst.“ Der Commodore winkte gut gelaunt ab und zeigte auf einen Info-Button. „Komm“, sagte er, „da gibt es sicher auch für uns Infos.“ Die beiden betraten eine Art Warteraum, in dem mehrere Hauptseiten auf eine Behandlung oder Beratung zu warten schienen. Als sie sich umsahen, betrat etwas hell Blinkendes den Raum. „Hallöchen“, jubilierte eine völlig aufgebrezelte Hauptseite und winkte wie die Königin von England den Anwesenden zu. Die Optik des Commodores war einen Moment geblendet. Als sein Fokus sich wieder eingestellt hatte, sah er voll Erstaunen in ein buntes, hektisch blinkendes Display voller Flash Objekte und Popups. Es zischte, leuchtete und flackerte wie bei einem Vulkanausbruch. „Was ist denn das?“, fragte er und konnte seinen Blick nicht abwenden – ähnlich wie bei einem Unfall. „Wir nennen sie die Flash-Mumsell“, flüsterte jemand, „sie schaut hier regelmäßig vorbei und findet jedes Mal wieder ein paar freie Pixel, wo sie sich etwas Neues einsetzen lässt. Hauptsache laut, knallig und schön bunt.“ Der ganze Warteraum amüsierte sich über das leuchtende Naturereignis. „Und weshalb bist du hier?“, wandte die freundliche Stimme sich Semedé zu, „erzähl mir nicht, dass du eine Designberatung willst.“ „Nein, eigentlich nicht“, antwortete sie, „oder verbessert man mit so was seinen Page Rank?“ „Eher im Gegenteil, denn dein Page Rank wird unter anderem auch dadurch bestimmt, wie lange die User auf deinen Seiten verweilen. Und eine solche Seite, die eher an ein Silvesterfeuerwerk erinnert, mögen die meisten gar nicht und verschwinden sehr schnell wieder.“ Semedé drehte sich um und schaute in ein sehr freundliches Display. „Woher weist du das? Kennst du die Regeln, wie ich meinen Page Rank erhöhen kann?“ „Die Regeln kennt niemand, soweit ich weiß. Das ist eines der größten Geheimnisse hier bei uns. Ich kann dir nur aus meiner Erfahrung hier sagen, dass zu viele Spielereien die User eher abschrecken. Flashs und Popups gelten zum Teil als unsicher, sodass viele Experten sie deaktiviert haben. Um sie zu sehen, müssen deine User teilweise Plug-in installieren – Tatsachen, die eher negativ sind. Es gibt aber die Möglichkeit, deine Flashs und Animationen mit der aktuellen AJAX-Technologie umzuprogrammieren. Dann gibt es die Bedenken nicht mehr. Du besitzt ja auch Flash Objekte, wie ich sehe, aber sie sind unaufdringlich und eher beruhigend; und – sie passen sehr schön zu deinem Thema. Eine gesunde Mitte zu finden, ist hier der beste Weg.“ „Vielen Dank“, sagte Semedé mit einem Lächeln. „Gerne“, bekam sie ebenfalls mit einem Lächeln zurück, „ich wünsche dir viel Erfolg.“ „Wow. War die aber nett“, brummte der Commodore. Er und Semedé standen wieder auf dem großen Platz im Zentrum des Server Centers. „Ja. Sehr nett war sie. Und endlich habe ich einmal eine klare Information zu dem Thema bekommen, das mich so sehr interessiert.“ In ihrer Stimme klang Begeisterung mit. „Lass uns schauen, wo wir noch mehr Informationen sammeln können.“ Sie näherten sich einem Komplex, in dem besonders hohe Aktivitäten vorgehen mussten. In ihm blitzte es ununterbrochen, als ob Hunderte von Fotoapparaten pausenlos im Einsatz wären. Als die beiden den Komplex betraten, wurde die Optik des Commodores wieder überfordert und er sah zunächst nichts mehr. In einer großen, in hellblaues Licht getauchten Halle befanden sich zahllose Hauptseiten, um die herum jeweils mehrere Maschinisten werkelten. Die zahllosen kleinen Blitze entstanden um die Displays der Hauptseiten herum. In einer der Ecken der Halle war eine Wartezone eingerichtet, in deren Richtung Semedé und der Commodore sich bewegten. „Worauf wartet ihr?“, fragte sie eine der Wartenden. „Hier ist das Backlink Center“, antwortete eine der Hauptseiten, die zu einer Fast-Food-Kette gehörte. „Hallo, ich bin Mack.“ „Hallo, freut mich. Ich bin Semedé; und das ist der Commodore“, sagte sie und deutete auf ihren neuen Freund, der sich mit einem begeisterten Grinsen auf seiner Mattscheibe umsah, um sich am Lichtspiel und den widerhallenden Geräuschen des Gebäudes zu erfreuen. „Wir lassen uns hier neue Backlinks setzen“, sagte Mack. „Und warum macht ihr das?“, fragte Semedé. „Backlinks sind ja Hinweise auf andere Hauptseiten, die mit einem Link direkt auf deine Seite führen. Und je mehr dieser Backlinks du hast, desto besser, weil dich dann mehr User finden und besuchen. Die kleinen Blitze, die ihr überall sehen könnt, sind eingehende Backlinks. Außerdem wird die Anzahl der Backlinks von Google gut bewertet.“ „Aha!“, schaltete der Commodore sich ein, „den suchen wir.“ „Wen sucht ihr?“, fragte Mack und Semedé verzog ihre Mattscheibe. „Google. Wir sind auf der Suche nach Google“, sagte der Commodore. Mack schaute ihn verwundert an und sagte dann zu Semedé: „Ihr seid ein seltsames Paar.“ Dann war er an der Reihe und verabschiedete sich. Semedé seufzte. „Schade. Ich hätte gerne noch mehr von ihm über diese Backlinks gehört.“ „Seltsamer Typ“, antwortete der Commodore, als sie die Halle verließen, „ich glaub, ich hab Hunger.“ Sie schlenderten über den großen Platz hinweg, vorbei an den Promis, von denen sie wieder keines Blickes gewürdigt wurden. Über ihnen schwirrten lautlos Datenpakete wie an einer Perlenschnur aufgereiht über unsichtbare Leitungen dahin. Semedé und der Commodore versuchten, dem regen Treiben zu folgen, als ihre Blicke gleichzeitig etwas Seltsames entdeckten. „Hast du das gesehen?“, fragte der Commodore. „Ja. Das ist seltsam“, antwortete Semedé. „Da! Schon wieder.“ „Hm. Es scheint wohl nicht an unserer Optik zu liegen. Lass uns das mal genauer ansehen.“ Die beiden näherten sich einem Komplex, der genauso ausschaute, wie der, in dem das Backlink Center war – nur, das es hier keine Blitze gab. „Da, schau“, sagte der Commodore, „schon wieder.“ Die beiden betraten vorsichtig das Gebäude und wurden sofort von der strengen Stimme eines Barcode-Scanners angesprochen: „Hey, was wollt ihr denn hier?“ „Wir? Ja, wir wollen uns hier nur mal umsehen“, sagte Semedé eingeschüchtert. „Gut, aber seid leise und stört hier niemanden.“ Sie nickten zustimmend und schlichen vorsichtig weiter. „Mann-O-Mann, hat der mich erschrocken“, sagte Semedé. „Und mich erst“, antwortete der Commodore, „ich hab mir fast ins Gehäuse gemacht.“ Die beiden kamen in einen dreidimensional wirkenden Raum, der sich über mehrere Etagen erstreckte. Es machte den Eindruck eines gigantischen Großraumbüros, in dem die zahlreichen Arbeitsplätze von elektromagnetischen Feldern voneinander getrennt waren. „Das gibt´s doch nicht“, sagte der Commodore. An jedem Platz saßen auf der einen Seite ein Berater und gegenüber jeweils zwei Hauptseiten – zwei identische Hauptseiten. „Wie geht denn das?“, gab der Commodore verwundert von sich, „der ganze Laden hier ist ja voller Zwillinge.“ Auch auf Semedé wirkte dieses Szenerio sehr merkwürdig, aber wohin sie auch blickte – überall sah man zwei, manchmal sogar drei, identisch aussehende Hauptseiten an den Beratungsplätzen; und alle hinterließen einen geknickten Eindruck. Die Kommunikation an den Plätzen war leise und zurückhaltend. „Guten Tag“, sagte einer der Berater, „also ihr beide seid hier sicher fehl am Platze. Kann ich euch helfen?“ Semedé und der Commodore wandten ihre gebannten Blicke von den Beratungsplätzen ab und drehten sich um. „Wieso ...?“, fragte der Commodore und deutete in Richtung des Geschehens. „Wir behandeln hier ein sehr verbreitetes Phänomen. Wir nennen es Duplicate Content.“ „Und was ist das genau?“, wollte der Commodore wissen. „Die Adressen vieler Internet-Hauptseiten werden gleichzeitig unter http://seitenname.de und unter http://www.seitenname.de geführt. Das heißt; die Internetseite gibt es faktisch zwei Mal im Netz. Das Gleiche gilt auch für mehrere identische Artikel oder Berichte, die im Internet für eine bestimmte Hauptseite gestreut werden. Das nennen wir Double Content.“ „Warum muss das denn behandelt werden?“, fragte Semedé den Berater. „Zum einen ist das schlecht für eine gute Platzierung im Google-Index, denn zwei Mal der gleiche Inhalt ist nicht gerade benutzerfreundlich. Und zum anderen gibt es unter den doppelt geführten Hauptseiten die Verbreitung von schizophrenen Verhaltensmustern. Stellt euch vor, ihr erkennt, dass es einen vollkommen identischen Zwilling von euch gäbe, der die gleichen Rechte und Möglichkeiten besitzt wie ihr selbst. Das kann einem durchaus Probleme bereiten.“ „Und wie wird das behandelt?“ „Na ja. Die rein technische Korrektur, nämlich die Entfernung einer der beiden Adressen, ist ein Klacks. Aber unter den Folgen dieser fahrlässig herbeigeführten Persönlichkeitsspaltung haben die betroffenen Hauptseiten teilweise lange zu leiden.“ Nachdem Semedé und der Commodore sich beim Berater für die Informationen bedankt hatten, waren sie wieder auf der spiegelnden Oberfläche vor dem Komplex angelangt. „Die Armen“, sagte Semedé betroffen. „Ja. Was es hier nicht so alles gibt“, stimmte ihr der Commodore zu. „Hallo, ihr beiden“, hörten sie eine bekannte Stimme, „was ist denn mit euch passiert? Ihr seht ja echt betroffen aus.“ „Oh. Hallo Mack“, lächelte Semedé, „wir haben uns gerade die Duplicate-Content-Behandlung angesehen.“ „Ja. Schlimme Sache“, antwortete er, „manche denken viel hilft viel, aber das ist ein Irrtum.“ In diesem Moment schwebte ein großes Datenpaket dicht über ihren Displays. „Wir befinden uns hier sehr nahe an einer Bluetoothleitung. Suchen wir uns einen ruhigeren Platz.“ Die drei bewegten sich über die kühle, dunkle Keramikfläche einiger defragmentierter Datenblöcke entlang, die regungslos auf ihre neue Zuweisung warteten. „War deine Backlink Behandlung erfolgreich?“, wollte Semedé wissen. „Ich hoffe schon“, antwortete Mack, „mir sind einige gute Backlinks gesetzt worden. In der nächsten Zeit wird sich herausstellen, wie gut sie sind.“ „Woran kannst du das erkennen?“ „Nun ja. Generell kann man sagen, je mehr Links von externen Seiten auf dich verweisen, desto besser für dein Ranking, denn das heißt, dass du gefragt bist und von den Usern weiterempfohlen wirst.“ „Also kommt es nur auf die Quantität an?“ „Nicht ganz“, antwortete Mack, „Links und Verweise von Seiten, die themenverwandt sind, werden besser gewertet als themenfremde.“ Semedé hörte aufmerksam zu, während der Commodore sich am Farbenspiel einer Glasfaserleitung erfreute. „Aber warum ist das so?“, wollte Semedé wissen, „und vor allem, wer kann das unterscheiden?“ „Wer das unterscheidet? Unser aller Herrgott, Google“, scherzte Mack, „aber im Ernst. Die Suchalgorithmen von Google können das scheinbar erkennen, auseinanderhalten und einordnen. Du musst dir das wie einen Röntgenscanner vorstellen. Er tastet deine Hauptseite mit allen Unterseiten ab und liest alle Inhalte heraus. Er kann dein Angebot und deinen Themenbereich erkennen und deine Aktivitäten im Netz zurückverfolgen. Google ähnelt dem Eichhörnchen aus Ice Age, das stets wie verrückt auf der Suche nach Nüssen ist – nur das Googles Nüsse Relevanz heißen.“ „Wow“, äußerte Semedé beeindruckt. „Also kommt es nicht nur auf die Anzahl der Backlinks an, sondern ganz entscheidend auf die Qualität. Zum Beispiel: Du bist eine Seite, die sich mit dem Thema Meditationen beschäftigt, und wenn ich dazu sagen darf, eine sehr schöne dazu.“ Semedé lächelte und wurde verlegen. „Wenn du nur wenige Backlinks von Hauptseiten bekommst, die sich ebenfalls mit diesem Thema beschäftigen, sind diese wenigen Links mehr wert, wie wenn du massenweise Links von Seiten erhältst, die nicht themenbezogen sind. Wenn dann auch noch Seiten auf dich verlinken, die themenbezogen sind und ein sehr gutes Ranking haben – Bingo!“ „Woher weißt du das alles?“, fragte Semedé und versuchte ganz neutral zu bleiben. „Na, ja. Ich habe schon einige Jahre auf dem Buckel und ich lerne eben. Ich begebe mich regelmäßig zur Optimierung und alleine mein Alter bringt es zwangsläufig mit sich, dass ich im Page Rank steige.“ „Alt siehst du aber nicht aus“, sagte Semedé; und nun fühlte sich Mack geschmeichelt. „Oh. Danke sehr“, antwortete er, „ich werde ja auch immer wieder einer Frischpixelkur unterzogen. Das hast du natürlich nicht nötig.“ „Ach, jetzt übertreibst du aber ...“ „Nein, bestimmt nicht – ich finde dich wirklich sehr schön.“ Es entstand eine kurze Pause, die der Commodore unterbrach: „Um was für eine Art Optimierung geht es denn jetzt bei euch?“ Mack versuchte das Thema zu wechseln: „Mir scheint es, dass dir diese ganzen Zusammenhänge sehr wichtig sind.“ „Ja, das ist so“, antwortete Semedé, „ich will einfach verstehen, warum Google mich nicht mag.“ „Darüber würde ich mir keine Gedanken machen. Ich glaube nicht, dass Google einen mag oder auch nicht. Google ist eine Institution und die hat Regeln aufgestellt. Wenn du dich an diese Regeln hältst, darfst du mitspielen und kannst von den Vorteilen profitieren.“ „Genau“, schaltete der Commodore sich wieder ein, „und deshalb sind wir ja auf der Suche nach Google, um ihn nach seinen Regeln zu befragen.“ „Das höre ich jetzt schon zum zweiten Mal von dir“, erwiderte Mack, „und, entschuldige bitte, aber ich halte das für blanken Unsinn. Google kann man nicht treffen.“ „Kannst du mir denn noch mehr zu den Regeln sagen?“, fragte Semedé. „Ich erzähle dir gerne, was ich weiß“, antwortete Mack mit einem Lächeln, „aber ich muss zugeben, dass ich nur über einen Bruchteil der Regeln Bescheid weiß. Ehrlich gesagt habe ich noch niemanden kennengelernt, der alle Regeln kennt. Jeder versucht eben, so gut er kann an den bekannten Hebeln zu drehen.“ „Und kennst du noch einen dieser Hebel?“, wollte Semedé wissen. „Ja. Ich habe gleich einen weiteren Optimierungstermin. Wenn ihr möchtet, könnt ihr mich begleiten.“ „Toll, sehr gerne“, antwortete Semedé. Die drei bewegten sich wieder an den immer noch ruhenden Datenblöcken vorbei in die Richtung des großen Platzes zurück. „Warum bist du so aufgeregt?“, flüsterte der Commodore zu Semedé. „Ach, sei du doch mal still“, antwortete sie verlegen. Sie kamen an einen Komplex, der etwas größer erschien als die anderen. Hinter dessen glänzender Fassade war ein wildes Stimmengewirr zu erahnen, das lauter wurde, als sie das Gebäude betraten. Zahllose winzig-bunte Punkte schwirrten umher und erfüllten wie eine Staubwolke jeden kleinsten Winkel. Sie bewegten sich so schnell umher, dass man sie nur als eine bunt-schimmernde Masse wahrnehmen konnte. Der Commodore war sofort wieder hin und weg und bestaunte das wilde Treiben. Mack meldete sich kurz an einem Counter an und begab sich dann mit Semedé an einen der Beratungsplätze. „Was ist das hier?“, fragte Semedé. „Eigentlich sind diese kleine Dinger Datenpakete. Aber sie sind so winzig und schnell, dass man sie kaum wahrnehmen kann. Doch so klein und unscheinbar sie auch erscheinen mögen, so enorm wichtig ist ihre Aufgabe.“ Wie aus dem Nichts erschien vor ihnen nun einer der Berater. „Hallo Mack“, sagte er freundlich, „schön, dich mal wieder bei uns zu haben. Was kann ich für dich tun? Die übliche Prozedur?“ „Ja. Das Übliche, bitte.“ Der Berater richtete einen kleinen blauen Lichtstrahl auf Macks Bluetooth-Schnittstelle: „Und los“, sagte er. „Was überträgt er da?“, wollte Semedé wissen. Der Berater schaute etwas irritiert zu Mack. „Ist ok“, sagte dieser, „sie ist eine Freundin von mir.“ „Zuerst lese ich seinen Keyword-Speicher aus. Dann wird er analysiert und schließlich werden die Keywords aktualisiert.“ „Keywords?“, fragte Semedé, „wofür sind die gut?“ Wieder schaute der Berater irritiert. „Na ja. Die Keywords sind die Suchbegriffe, die von den Usern eingegeben werden und mit denen sie die gewünschten Inhalte auf den Webseiten finden. Sie sind die Bindeglieder zwischen Suchen und Finden.“ Semedé hätte viel lieber Mack befragt, doch dessen Sprachmodul war während der Übertragung inaktiv, also wandte sie sich wieder dem Berater zu: „Und wie genau funktioniert das?“, wollte sie wissen. „Wenn ein User nach einem bestimmten Thema sucht, kann er ein oder mehrere dieser Schlüsselwörter zur Suche bei Google eingeben. Er kann aber auch seine Suche erweitern oder einschränken, wenn er Kombinationen aus Keywords oder ganze Sätze eingibt.“ „Was müsste ein User eingeben, um mich zu finden?“, fragte Semedé. Der Berater schaute eine Millisekunde in seine Datenbank. „Gut. Dein Thema ist Meditation. Also müsste der User zuerst Meditation als Keyword eingeben. Das Problem ist nur, das du unter diesem Keyword bei Google rund sechsundzwanzig Millionen Einträge findest. Da bekommt die Suche nach der Nadel im Heuhaufen eine ganz andere Bedeutung. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten, dich doch noch zu finden. Zum einen könntest du versuchen, die anderen sechsundzwanzig Millionen Einträge zu überholen. Das geht – theoretisch.“ „Und praktisch?“, unterbrach ihn Semedé. „Wie gesagt: die Nadel im Heuhaufen. Aber im Ernst. Ich bin hier für die Keywords zuständig und viel mehr weiß ich auch nicht“, er schaute kurz auf die Datenübertragung von Mack, „die zweite Möglichkeit, dass die User dich finden, ist, wenn sie kombinierte Schlüsselwörter eingeben. Auf deiner Seite kann man Meditationen herunterladen. Also empfiehlt sich die Schlüsselwort-Kombination: Meditation Downloads. Jetzt sind es nur noch zweieinhalb Millionen Treffer.“ Semedé seufzte. „Ja. Ich kann dich verstehen. Das ist noch nicht wirklich gut“, reagierte der Berater verständnisvoll, „du hast aber auch eines der stärksten Keywords als Hauptwort. Versuchen wir es weiter. Bei dir kann man sich die Meditationsart individuell zusammenstellen. Jetzt könnte ein User die Kombination „individual Meditation Downloads“ eingeben; und so weiter. Je detaillierter die Suchkombination also ist, desto genauer sind die Ergebnisse. Ich gebe aber zu, mit einem Hauptschlüsselwort wie deinem ist es nicht leicht. Leichter wäre es mit einem Keyword wie Honigkuchenpferdesattel. Damit stündest du automatisch auf Rang eins – nur, wer sucht schon danach.“ Semedés Daten schwirrten wie wild durch ihren Arbeitsspeicher und es wurde auch nicht besser, als Mack sie wieder ansprach. „So. Ich bin fertig. Und, hast du etwas gelernt?“ „Das weiß ich noch nicht“, antwortete Semedé. Beide bedankten sich bei dem Berater und bewegten sich in Richtung Ausgang, wo sie auf den Commodore trafen. „Warum sind die schwirrenden Keywords eigentlich bunt?“, wollte er wissen. „Das ist ein Marketing-Gag“, lächelte Mack, „sie tragen ausschließlich die Farben Blau, Rot, Gelb und Grün – das sind die Logofarben von Google.“ Die drei waren im Norden des Server Centers angekommen, am entgegengesetzten Ende, wo sie sie erreicht hatten. Die Gebäudekomplexe wurden niedriger und der glänzende Belag wich immer öfter einer dunkelbraunen, stumpfen Oberfläche. In einiger Entfernung war das Farbenspiel einer großen Glasfaser-Datenleitung zu sehen, die aus dem Server Center herausführte und hinter dem Horizont im Osten verschwand. Die drei hatten sich nun eine Weile wortlos nebeneinander herbewegt. Semedé machte einen niedergeschlagenen Eindruck. Daran konnte auch die Anwesenheit von Mack nichts ändern. „Was hat dir denn die Laune so verdorben?“, unterbrach er das Schweigen. „Ach, ich weiß auch nicht“, antwortete Semedé, „ich habe so viel Neues erfahren und sollte eigentlich guter Dinge sein. Aber ich habe das Gefühl, je mehr ich über die Regeln von Google erfahre, desto mehr Fragen tauchen auf. Es scheint mir so kompliziert.“ „Was kann man denn da machen?“, sorgte der Commodore sich. „Was, wenn wir Google selbst fragen?“, fragte Mack. „Was? Eben hast du noch gesagt, das sei blanker Unsinn“, gab der Commodore energisch zurück. „Ich meine ja auch nicht den Google, sondern die Google Suchmaschine.“ „Ja, das würde ich sehr gerne tun“, sagte Semedé und schaute Mack erwartungsvoll an. Der Commodore verdrehte seine Mattscheibe und verspürte wieder dieses seltsame Gefühl von Hunger. Die drei begaben sich an den Rand eines stillgelegten Lüftungsblocks, dessen Edelstahlhülle so aussah, als ob er jeden Moment anlaufen und für einen kräftigen Windstoß sorgen könnte. Seit dem rasanten Fortschritt der Bauelemente und Datenleitungen wurden die großen Lüftungsblocks überflüssig, da die neue Technik immer weniger Energie verbrauchte, damit weniger Hitze erzeugte und somit weniger Kühlung benötigte. Man hatte die alten Blöcke einfach vom Netz genommen und die Leitungen gekappt. „So. Hier haben wir Ruhe“, sagte Mack, „soll ich Google aufrufen oder möchtest du?“ „Mach du das“, antwortete Semedé, „du kennst dich besser aus.“ Auf Macks Display erschien die Google Hauptseite. „Was ist das denn?“, fragte der Commodore erstaunt. „Das ist die Startseite von Google“, antwortete Mack. „Das ist doch wohl ein Witz. Sechs bunte Buchstaben, ein Eingabefeld und drei Zeilen? Das ist alles?“, der Commodore lachte. „Lass dich nicht täuschen. Zugegeben, etwas puristisch angelegt ist das schon, aber hinter diesem Eingabefeld schlummert die ganze Welt des Internets mit weit über einer Billion Webadressen im Index. Du kannst Google in über einhundertzwanzig Sprachen abfragen und mit über achtzig Prozent Marktanteil ist das hier der Big Boss im weltweiten Internet. Unter den Usern gibt es den Begriff googeln, der für das Suchen im Internet benutzt wird und der sogar im Rechtschreibduden eingetragen wurde.“ „Schon beeindruckend“, sagte Semedé, „aber ich hatte wirklich gedacht, die Hauptseite würde etwas netter aussehen. Was kann die Suchmaske denn?“ Mack überlegte kurz und wandte sich dem Commodore zu: „Sollen wir dich mal googeln?“ „Mich? Meinst du etwa, über mich würde etwas im Internet stehen?“ „Na dann pass mal auf“, sagte Mack und gab Commodore in die Suchmaske ein, „über zehn Millionen Treffer.“ „Was? Das gibt es doch nicht. Jetzt geb ich den blanken Unsinn aber an dich zurück“, sagte der Commodore erstaunt. „Im Ernst. Hier werden alle Webseiten weltweit angezeigt, die das Wort Commodore beinhalten. Damit kann man natürlich noch nicht viel anfangen, also grenzen wir die Suche ein und geben deinen Namen mit hinzu“, Mack schrieb nun commodore c64 in die Suchmaske, „aha, nun sind es noch rund sechshunderttausend Treffer. Wir grenzen weiter ein. Nehmen wir an, du suchst deine Leistungsdaten“, in der Suchmarke erschien commodore c64 leistungsdaten, „hier kannst du deine Daten jetzt auf gut fünfzigtausend Webseiten einsehen und Berichte darüber lesen.“ „Was will ich denn mit so vielen Seitenangaben, die liest doch niemand“, sagte der Commodore und Semedé verfolgte aufmerksam die Daten auf Macks Display. „Du hast recht“, antwortete er, „und darum grenzen wir die Suche mit deinem Spitznamen noch weiter ein: commodore c64 leistungsdaten brotkasten. Aha! Knappe tausend Treffer.“ „Wieso ist mein Spitzname Brotkasten? Wer denkt sich denn so was aus?“, fragte der Commodore und Mack musste grinsen. „Das waren deine User, die dich irgendwann liebevoll so genannte haben.“ „Verstehe ich nicht“, brummte er, „aber wieder zurück zu deiner netten kleinen Präsentation. Wie weiß ich denn jetzt, welcher Beitrag unter diesen eintausend nun der beste ist?“ „Das wäre jetzt auch meine nächste Frage gewesen“, brachte Semedé sich ein. „Das ist einfach: Der Erste ist es. Jedenfalls nach der Meinung von Google.“ „Moment mal. Wie will Google das denn wissen?“ „Google weiß es, weil Google alle Informationen hat, die man braucht, um die beste Seite zu dieser Abfrage zu finden. Google kennt den kompletten Inhalt der Webseiten mit allen Unterseiten; Google erkennt die passenden Keywords dazu; weiß, welche Backlinks auf diese Seiten verweisen und, welche Relevanz die verlinkenden Seiten zu diesen Seiten haben. Google verknüpft all diese und zahllose weitere Informationen miteinander, um sie sortiert nach Relevanz in seinem Index aufzulisten.“ „Das heißt, Google kennt diese eintausend Webseiten über mich in allen Details so gut, dass 'er' zweifelsfrei in der Lage ist, bestimmen zu können, welche den besten Inhalt zu meiner Suchanfrage hat?“ „Richtig“, antwortete Mack und wunderte sich über die schnelle und präzise Zusammenfassung des alten Commodores. „Dann ist ja alles klar“, erwiderte dieser, „Google ist Gott.“ Googles GnadeSemedé nahm den ständigen Luftzug der großen Gebläse vom Kraftwerk wahr und wunderte sich, warum dieser sogar bis in diesen verlorenen Winkel reichte. Sie schaute in eine düstere Weite, die sie an Informationen ihrer Freundin Wiki erinnerte – über ein sogenanntes Universum, dessen Unendlichkeit sprichwörtlich sein sollte. Der große Unterschied zu ihrer Umgebung war allerdings, dass die Lichtpunkte in diesem Universum sich unsagbar langsam bewegen sollten. „Ach“, stieß Semedé einen wiederholten Seufzer aus, „wieso bloß immer dieses wahnsinnige Treiben in dieser großen Hektik. Ich wünschte mir die Langsam-keit dieses Universums.“ Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, da bewegte sich plötzlich etwas unter ihr und Semedé sprang erschrocken auf. Sie drehte sich um und suchte den Gerümpelhaufen ab – nichts! Außer einigen, dämmrig-blinkender Pixelpunkte war nichts zu entdecken. Dann vernahm sie eine Stimme. „Hallo? Wer ist denn da? Wie kommst du denn hierher?“, tönte es aus dem Haufen. Aber so sehr Semedé sich auch bemühte, sie konnte nichts entdecken. Sie zuckte mit den Schultern und vermutete, eine funktionsgestörte, hyperaktive W-LAN-Verbindung sei am Werk. „Die guten alten Zeiten waren wirklich ruhiger“, tönte es erneut. „Ich vermisse sie so sehr. Aber sie kommen nie wieder.“ „Wer quasselt denn da so blödes Zeug?“, erwiderte Semedé verärgert und suchte erneut nach der Sprachausgangsquelle. „Hallo, junges Fräulein. Ein bisschen mehr Anstand und Respekt, wenn ich bitten darf!“, klang die Stimme nun etwas bestimmter. Semedé rückte ganz nah an den Haufen und versuchte, etwas zu erkennen. „Ihr modernen Dinger könnt eine geniale Pro-grammierung nicht mal erkennen, wenn sie direkt vor eurer Programmzeile rumhüpft", ertönte es energisch. Semedés Neugierde war nun geweckt und sie konzentrierte sich auf eine winzige Lichtquelle. „Bist du der kleine, mickrig blinkende Pixelbalken da?“, fragte sie. „Unverschämtheit!“, tönte es. „Ich bin kein blinken-der Pixelbalken. Du hast wohl im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst, was?“ „Wer bist du dann?“, fragte Semedé, die nun von der unbekannten, energischen Stimme eingeschüchtert war. „Ich bin der Commodore!“, sagte der blinkende Pixelbalken, der nun nervös auf und ab hüpfte. Der Klang seiner Stimme erweckte den Eindruck, man müsse auf der Stelle salutieren; und so zeigte sich Semedé auch sichtlich beeindruckt. „Du bist nur eine Ansammlung von Pixel und hast trotzdem eine Sprachausgabe – ähm – und dann auch noch eine so kräftige?“, versuchte sie den Satz nett zu formulieren. „Du brauchst gar nicht so höflich zu tun“, erwiderte der Commodore. „Ich weiß, dass ich für euch modernen Dinger nur eine Displayanzeige bin – und eine ziemlich grobkörnige noch dazu. Aber ich bin etwas Besonderes – ein Einzelstück sozusagen.“ Semedé hörte aufmerksam zu und dachte sich: „Dieser hüpfende Pixelbalken scheint ja noch ärmlicher dran zu sein als ich.“ Und ohne dass sie etwas sagte, fuhr der Commodore fort: „Ich bin zwar sehr alt und schon grau zur Welt gekommen, aber mein Befesch war ein Bastler der ersten Stunde und hat mir einige Hightech-Komponenten spendiert.“ „Oh – die hat er dann aber gut versteckt“, wollte Semedé antworten, aber sie entschied sich nett zu bleiben: „Was ist ein Befesch?“, wollte sie wissen. „Wie? Ein Befesch eben“, stammelte der Commodore verwundert. „Der, der die Programme schreibt, damit wir etwas ausführen – der Befehlsschreiber eben.“ Semedé verstand nicht, was der Commodore sagte, aber sie bemerkte, wie sich nun um seinen hüpfenden Pixelbalken eine dunkle und schließlich schwarze Mattscheibe bildete, die sie vorher nicht wahrge-nommen hatte. „Du bist ja größer, als ich dachte“, sagte sie. Der Pixelbalken hüpfte aufgeregt auf und ab. „Tja, dreizehn Zoll sind dreizehn Zoll“, antwortete er stolz. Semedé musste sich zurückhalten und wollte gerade fragen, warum die Ecken seiner Mattscheibe so seltsam nach innen gebogen waren, doch dann dachte sie, es sei vielleicht ein Virus – und darauf wollte sie den Commodore nun doch lieber nicht ansprechen. „Was machst du eigentlich hier in dieser verlassenen Gegend?“, wollte er wissen. „Hierher verschlägt es doch sonst nur Format-C-Müll und verlorene Daten-pakete?“ Semedé wurde traurig und ihre Pixelpunkte dunkler. Sie hatte keine Lust, diesem alten Kauz von ihren Problemen zu erzählen. Sie hatte hier ja eigentlich nur Ruhe gesucht. „Ist dir deine Sprachprogrammierung verloren gegangen?“, fragte der Commodore, und nach einer kurzen Pause fügte er sanft hinzu: „Ich bin ein guter Zuhörer.“ Bei diesen Worten wurde Semedé wieder aufmerksam. „Ein guter Zuhörer.“ Wann hatte sie das zum letzten Mal gehört. Wer wollte denn noch wirklich zuhören, in dieser multidimensionalen Cyberhektik-Megabit-Ich-muss-der-Schnellste-sein-Ge- sellschaft, in der das Wort Stillstand nicht mehr existierte. Semedé schaute auf und sah nur einen blinkenden Pixelpunkt auf einem verbogenen Display – der Commodore schwieg. „Ich verstehe diese Welt nicht mehr“, seufzte sie. „Oh, Kindchen, kleiner hast du es wohl nicht? Etwas genauer wäre schon toll.“ „Ich bin geschaffen worden von einer höheren Intelligenz, die durch mich die User auf der ganzen Welt ansprechen möchte, sich ihrer inneren Energie und Intuition anzuvertrauen und so ein erfülltes, liebevolles und glückliches Leben zu führen.“ „Halt! Halt! Halt!“, unterbrach der Commodore energisch, „kleiner bitte! Was ist dein Problem?“ Semedé senkte ihr Display und sagte kleinlaut: „Mein Page Rank ist zu niedrig.“ „Dein was ist zu niedrig?“, erwiderte der Commo-dore. „Mein Page Rank. Ich habe mir alle Mühe gegeben, aber Google mag mich scheinbar nicht.“ „Was um Gottes willen ist denn ein Page Rank und wer zum Henker ist dieser Google? Kindchen, was kennst du denn für Ausdrücke?“ Der Commodore rang um Fassung. „Der Page Rank Algorithmus sagt etwas über die Qualität und Quantität deiner Usertraffics aus. Alle Infos wie zum Beispiel HTML-Code, DocType, die Anzahl deiner Backlinks sowie die Länge deiner Meta Description werden hier analysiert und ausgewertet.“ Der Commodore musste sich einen Moment sammeln. „War dein Befesch während deiner Programmierung bekifft oder was? Das versteht ja keine Sau, was du da von dir gibst.“ Semedé wurde durch die Worte des Commodores aus ihrer leichten Lethargie geweckt und erkannte, dass er kein einziges Wort verstanden hatte. „Du treibst dich wohl schon länger in dieser verlassenen Gegend herum“, sagte sie. „Vielleicht sollte ich dir erst einmal einiges zeigen, damit du etwas klarer siehst.“ „Witzige Metapher“, erwiderte der Commodore. „Du kannst mir gerne ein paar neue Datenpakete übermitteln – wenn sie nicht zu groß sind. Ich werde sie dann verarbeiten – wenn sie nicht zu groß sind und sie in meiner Datenbank ablegen – wenn ...“ „Ja, ja. Wenn sie nicht zu groß sind, ich weiß“, fiel ihm Semedé ins Wort. „Du kannst dir die Infos aber auch gleich selbst ansehen. Das ist wohl wesentlich einfacher, meinst du nicht?“ „Ja, klar. Können vor Lachen“, sagte der Commo-dore. „Können vor Lachen?“, wiederholte Semedé, „was soll das denn heißen?“ „Ist so ein Spruch aus der guten alten Zeit, abgeleitet von dem Witz mit den Keksen.“ „Kekse?“, stammelte Semedé und dachte, ihr Ausdruck allein würde schon genügend Erklärungs-bedarf einfordern. Der Commodore räusperte sich und sagte: „Fragt ein Kind: 'Mama, darf ich Kekse haben?' – 'Klar', antwortet die Mutter, 'nimm dir welche.' Sagt das Kind: 'Die Kekse stehen aber auf dem Schrank.' – 'Ja', sagt die Mutter, 'nimm dir welche.' – 'Aber Mama, ich hab doch keine Arme.' Antwortet die Mutter: 'Tja, Kind. Ohne Arme keine Kekse.'“ „Das ist doch geschmacklos“, sagte Semedé in das Gelächter des Commodores. „Und es ist obendrein nicht hilfreich – was willst du damit überhaupt sagen?“ „Zum Glück bin ich ja nicht so empfindlich“, antwortete der Commodore. „Genauso geschmacklos könnte ich es nämlich finden, wenn du zu mir sagst, ich solle mir etwas ansehen.“ Semedé wurde unsicher. „Soll das heißen, du kannst nicht – sehen?“ „Bei dir klingt das so mitleidvoll“, wunderte sich der Commodore. „Als könnten wir hier ...“ Er machte eine Pause und fügte dann mit leiser Stimme hinzu: „Kannst du etwa ...? Nein! Das kannst du nicht! Wir können nicht ...? Können wir doch nicht, oder?“ Semedé tat der alte Commodore so leid, dass sie einen Moment um Fassung rang. „Entschuldige bitte. Das hab ich nicht gewusst.“ „Ja, ja. Schon gut. Ist ja nicht so schlimm“, erwiderte der Commodore und sein Pixelbalken sprang wie wild auf und ab. „Soll das heißen, du kannst ...?“ „Ja, ich kann ...“, antwortete Semedé peinlich berührt. „Wow! Wie geht das denn?“, begeisterte der Commodore sich und senkte sofort wieder seine Stimme. „Dann bist du etwas ganz Besonderes, etwas Einzigartiges. Jetzt verstehe ich auch, warum du gesagt hast, du seist von einer höheren Intelligenz geschaffen worden. Entschuldige bitte, ich hab das nicht ernst genommen.“ Sein Tonfall klang nun fast ehrfürchtig. Semedé musste innerlich grinsen, aber es war ihr peinlich, von dem alten Commodore so vergöttert zu werden. „Sag, wer hat dich geschaffen?“, wollte er wissen. „Ein junger Informatikstudent“, versuchte Semedé das Thema etwas herunterzuspielen. Sie erreichte genau das Gegenteil. „Ein Student?“, brach es aus dem Commodore her-aus. „Ja. Aber ein sehr talentierter natürlich.“ „Ein Student?“, er konnte es nicht fassen. Semedé wollte unbedingt aus dieser peinlichen Situation heraus, wusste aber nicht wie. Dann fiel ihr ihre Freundin Wiki ein, die immer Rat wusste. So startete sie eine Anfrage, ob und wo es Hilfe für den alten Kauz geben könnte. Die Antwort dauerte ungewöhnlich lange, und als Semedé schon an einen Übertragungsfehler dachte, erhielt sie eine kurze, knappe Information mit einem Link, der zum Computermuseum führte. „Das muss ich dem alten Kauz jetzt nicht sagen“, dachte sie sich und verfolgte den Link. Sie stellte erneut ihre Anfrage und erhielt prompt ein kleines Datenprogramm und ein kleines Symbol. Als sie das Symbol öffnete, erklang ein schallendes Gelächter. „Wer lacht denn da?“, fragte der Commodore, der immer noch versuchte, seine Fassung wieder zu erlan-gen. „Niemand. Nur ein blöder Scherz“, antwortete Semedé und öffnete das Datenprogramm. „Ah, damit können wir doch etwas anfangen.“ Dann wandte sie sich dem Commodore zu: „Welche Schnittstelle nutzt du zur Kommunikation?“ „Ich hab ein Fünfeinviertel-Zoll-Schwabbellaufwerk“, antwortete er. „Mach keine Witze! Ich will dir doch nur helfen“, erwiderte Semedé. „Was nutzt du zur Datenfernüber-tragung?“ „Oh, ja. Datenübertragung. Das hab ich auch mal gemacht. Dazu habe ich einen Akustikkoppler für den Telefonhörer benutzt.“ „Nein. In echt jetzt“, sagte Semedé, die sich langsam nicht mehr sicher war, ob der Commodore wirklich nur scherzte. „Ich gehe ja nicht davon aus, dass du eine Funk- oder Infrarotschnittstelle besitzt, aber einen USB-Anschluss oder irgendein Modem-Port wirst du doch haben?“ „Irgendwann erklärst du mir mal, was diese Worte bedeuten“, sagte der Commodore. „Ich besitze eine serielle Schnittstelle mit einer Sechs-Pin-Buchse.“ Es hatte den Anschein, als würden die beiden unterschiedliche Sprachen sprechen. Semedé startete erneut eine Anfrage an die Scherzkekse vom Computermuseum und erhielt diesmal eine kurze Bauanleitung für eine Art Adapterstecker. Ersatzteile älterer Generationen zu finden, war in dieser Gegend gar kein Problem – man stolperte förmlich drüber. Und nachdem Semedé neben den nötigen Kabel- und Steckerresten auch noch eine alte Webcam gefunden hatte, bereitete sie sich und den Commodore auf eine kleine Operation vor. „Was hast du vor?“, wollte der Commodore wissen. „Vertrau mir“, antwortete Semedé knapp und machte sich über den alten grauen Brotkasten her. „Zuerst spiele ich dir das Plug-in ein. Dann bekommst du die Webcam angeschlossen und dann wirst du schon sehen – im wahrsten Sinne des Wortes.“ „Hält sich wohl für den lieben Gott, die Kleine“, dachte der Commodore, aber es gefiel ihm, wie Semedé an ihm herumbastelte. Dann wurde ihm plötzlich schwindelig und er verlor eine Millisekunde lang das Bewusstsein. „Wow! Was war denn das?“, stammelte er. „Das war der Programmtreiber für die Webcam. Ich habe die Übertragungsrate auf ein Minimum gestellt, aber selbst das war wohl noch etwas zu schnell für dich, was?“, amüsierte Semedé sich und begann die Webcam anzuschließen. „So“, sagte sie eine Minute später, „und? Wie ist es?“ „Wie ist was?“ „Na, du solltest jetzt eigentlich etwas sehen können.“ „Kindchen, leidest du unter Größenwahn?“, sagte der Commodore. „Du bastelst fünf Minuten an mir rum und ich soll sehen können? Meintest du das so?“ „Versteh´ ich nicht“, murmelte Semedé. „Es sollte eigentlich funktionieren. Ach ja, man muss dich noch reseten.“ „Nicht auf den Res ...“ Weiter kam er nicht. Seine Mattscheibe verdunkelte sich und einen Moment lang passierte gar nichts. Dann machte sein Laufwerk ein krächzendes Geräusch und seine Mattscheibe erwachte wieder halbwegs zum Leben. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Pixelbalken wieder erschien. Gleichzeitig leuchtete die Funktionslampe der Webcam auf. „Du blöde K ...“, gab er von sich. Dann hörte man ein knackendes Geräusch und der alte Commodore machte keinen Mucks mehr. Kleine Rauchschwaden krochen aus seinem grauen Gehäuse und Semedé blickte erschrocken. „Mist, jetzt hab ich ihn gekillt“, zischte sie. „Was ist das aber auch für ein empfindlicher Brotkasten.“ Einen Moment lang dachte sie daran, ihn hier liegen zu lassen, aber dann tat er ihr leid, wie er da so vor sich hin qualmte. Wieder startete sie eine Anfrage an das Computermuseum. Diesmal musste sie eine ganze Weile warten, bis sie von einer speziellen Abteilung eine Reparaturanleitung erhielt. Das Symbol mit dem Gelächter war auch wieder dabei, aber sie öffnete es erst gar nicht, sondern machte sich gleich an die "Operation Commodore“. Es gelang ihr, die verschmorten Kabel auszutauschen und einen Schaden auf der Hauptplatine zu beheben. Dann spendierte sie seinem Bios ein Uralt-Upgrade, das sie selbst noch etwas modifizierte, und schüttelte ihr Display beim Anblick seiner vorsintflutartigen Ausstattung. Nach einigen kleinen Optimierungen war es geschafft. Semedé hoffte, den Commodore gerettet zu haben. Als sie ihn wieder hochfuhr, schaltete sich zunächst ein Kontrollprogramm ein. Sein Laufwerk krächzte, die Mattscheibe gab die ersten Leuchtzeichen von sich und auch die Webcam zeigte Funktion an. Als sich der Pixelbalken, der nun heller erschien, zeigte, dachte Semedé an einen Fehler im Audiomodul des Commodores, denn er gab keinen Ton von sich. Der Balken auf seiner Mattscheibe schwebte förmlich. Von den vorher hektischen Bewegungen war nichts zu erkennen. „Hallo? Commodore?“, versuchte Semedé eine erste Kontaktaufnahme. „Kannst du mich hören?“ „Ja“, war die kurze Antwort. „Kannst du mich auch sehen?“ „Ja. Ich kann dich sehen“, sagte er langsam und mit einem Lächeln in seiner Stimme. Semedé machte sich Sorgen, denn der Commodore schien nicht ganz bei sich zu sein. „Weißt du auch, wo du bist?“, fragte sie ihn. „Na klar weiß ich das“, antwortete er in einem ruhigen, zufriedenen Ton. „Ich bin im Himmel und du bist ein Engel.“ „Aber nein“, antwortete Semedé verwundert, „du bist nicht im Himmel. Du bist dort, wo du auch vor deinem Systemausfall warst und ich bin ... naja, also ich bin kein ..., auch wenn ich vielleicht so aussehe ...“ „Also. Egal wohin ich mich wende“, freute der Commodore sich und schwenkte dabei seine Mattscheibe, „ich sehe in eine Universum ähnliche Weite, nur dass sich hier alles viel schneller bewegt. Ich sehe Lichtbögen vorbeirasen und kann Farbwellen sehen, die es – und da bin ich mir sicher – real gar nicht gibt. Und wenn ich dich so ansehe, habe ich keinen Zweifel – ich bin im Himmel.“ Er machte einen tiefen Atemzug und grinste zufrieden über seine Dreizehn-Zoll-Diagonale. „Du hattest einen totalen Systemausfall, und ich habe dir ein paar Updates spendiert. Das ist alles“, versuchte Semedé die Situation zu erklären. „Nee, is´ klar“, antwortete der Commodore. „Aber das IST die Wahrheit“, versuchte sie es erneut. Er hatte sich abgewendet und schaute neugierig in alle Richtungen. Semedé wandte sich noch mal der Reparaturanweisung zu, um zu prüfen, ob sie vielleicht einen Fehler gemacht hatte. Dabei fiel ihr das Datenblatt des Commodores auf: 0,98 MHz, 64 KB Arbeitsspeicher – Hauptspeicher nicht vorhanden –, Display … 16 Farben. „Um Gottes willen, was hab ich da gemacht?“, stieß sie aus. „Wie kann er nur mit solchen Werten – und die haben dieses Wort nicht einmal verdient – existieren? Kein Wunder, dass er sich hier im Himmel glaubt.“ Sie überlegte, wie sie ihm seine Situation klarmachen konnte – wenn überhaupt. Als er von seiner kleinen Entdeckungstour zurückkam, schaute sie in eine tief zufriedene, fast selig dreinblickende Mattscheibe. Semedé konnte und wollte ihm das nicht nehmen und so entschloss sie sich fürs Erste, dem Commodore seinen Himmel zu lassen. Die beiden zogen gemeinsam eine ganze Weile umher. Der Commodore immer um einige Längen voraus, neugierig zu erfahren, was sich hinter der nächsten Biegung auftat. Er konnte sich nicht sattsehen und drehte sich nach jedem Datenpaket, jeder Webseite und jedem Programmroboter um, die alle in einem rasenden Tempo an ihm vorbeisausten. Er versuchte sogar, sie zu grüßen, aber dafür waren sie zu schnell – oder er zu langsam. An einem Glasfaserkabel blieb er stehen und schaute wie hypnotisiert auf das sich wandelnde Farbenspiel. „Was für ein Farbspektrum“, staunte er. „Gute sechzehn Millionen Farben und eine Übertragungsrate von über sechshundert Gigabyte pro Sekunde“, kommentierte Semedé gelangweilt. „Wow!“, staunte der Commodore, „Himmel? Find´ ich toll.“ Es hatte den Anschein, dass, selbst wenn man ihm den Hauptstecker gezogen hätte, das Grinsen auf seiner Mattscheibe überdauert hätte. Trotz seiner überschwänglichen Euphorie blieb ihm nicht verborgen, dass seine neue Freundin die genau gegensätzliche Laune zu haben schien. Und nachdem er sich nun ein kleines Stück seines vermeintlichen Himmels angesehen hatte, wandte er sich Semedé zu. „Es ist so wundervoll hier, obwohl ich es mir anders vorgestellt hatte. Ich dachte immer, im Himmel würde man alles, was man sieht, auch gleich verstehen. Aber das hier ist – wundervoll! Aber einiges von dem hier gibt mir Rätsel auf“, sagte der Commodore und ließ seinen Blick wieder in die Ferne schweifen. „Es ist nicht der Himmel“, antwortete Semedé mit leicht genervtem Unterton und fügte leise hinzu: „Ich fühle mich hier eher genau in der anderen Abteilung.“ „Das ist eines der Dinge, die ich nicht verstehe. Ich habe noch nie von schlechtgelaunten Engeln gehört.“ „Ich bin kein ...“ Semedé brachte den Satz nicht zu Ende. „Hat eh keinen Sinn“, dachte sie. „Ich verstehe nicht, wie jemand wie du so traurig sein kann“, bohrte der Commodore weiter. „Du strahlst vor dich hin, du bist wunderschön, und ich kann nur erahnen, was du so alles kannst.“ „Wenn du wüsstest“, erwiderte Semedé. „Genau das ist ja mein Problem.“ Die beiden waren in die Nähe eines Knotenpunktes gekommen, wo Datenpakete und Suchanfragen in unvorstellbarer Dichte und Geschwindigkeit angerauscht kamen, um dann, wie von Geisterhand, in unverändertem Tempo in verschiedene Richtungen weitergeleitet wurden. „Da! Siehst du die ganzen Anfragen?“, fragte Semedé und zeigte auf das bunte Treiben. „Da werden Suchbegriffe mit den entsprechenden Suchergebnissen verbunden.“ „Das ist auch etwas, was ich nicht verstehe“, sagte der Commodore und schaute gebannt auf das hektische Treiben. „Warum herrscht hier im Himmel so eine Eile? Die müssten hier doch ganz viel Zeit haben?“ „Geschwindigkeit ist hier zum Gesetz geworden“, erklärte Semedé. „Es geht nur noch darum, in möglichst kurzer Zeit die Anfragen der User mit dem entsprechenden Content im Internet zu verbinden. Dazu rasen die Roboter der Suchmaschinen permanent über die Internetseiten, um sie nach deren Inhalt zu scannen. Sie beachten dabei stur die ihnen einprogrammierten Vorgehensweisen, nach welchen Regeln sie welche Inhalte qualifizieren. Diese Regeln werden von Google bestimmt – und verdammt, DAS ist mein Problem. Google mag mich nicht.“ Der Commodore hatte nicht viel verstanden, aber die letzten Worte waren unmissverständlich. „Ah. Du hast Ärger mit dem Boss“, lächelte er. „Was?“, entgegnete Semedé verständnislos, während sie sich langsam wieder von ihrem emotionalen Ausbruch erholte. „Entschuldige bitte, aber ich glaube, du hast keine Ahnung, von was oder wem ich hier spreche.“ „Wie denn auch, wenn du in Rätseln sprichst und Ausdrücke benutzt, die zu einer Sprache gehören, die ich nicht spreche!“ Diese Worte des Commodores holten Semedé wieder auf den Boden ihrer Realität zurück. „Es tut mir leid“, sagte sie. „Ich war wohl nicht sehr fair zu dir. Was hältst du davon, wenn wir uns wieder ein ruhigeres Plätzchen suchen, wo wir ungestört reden können?“ Die beiden entfernten sich vom regen Treiben am Knotenpunkt und begaben sich in die Richtung, in der der Luftzug des großen Gebläses wehte. Über die kupferfarbenen Leiterbahnen eines großen, grünen Platinenplatzes führte der Weg in eine Zone, in der Speicherbausteine ihre lautlose Arbeit machten. Semedé und der Commodore suchten sich einen Platz aus, der von mehreren bunten LEDs in ein angenehmes Licht getaucht wurde. „Das Internet“, begann Semedé, „ist zu einer gigantischen Datenrennstrecke geworden. Was in den siebziger Jahren als ein Projekt miteinander ver-bundener Rechnersysteme des Verteidigungsminis-teriums der USA begann, wurde bis in die achtziger Jahre hinein durch den Einsatz neuer Programm-software zu dem, was man heute das Internet nennt. Es ist aber nicht mehr mit den Anfängen vergleichbar. Die Entwicklung und der Fortschritt in der Datenüber-tragung, die Kapazitätssteigerungen in der Computer-technologie im Allgemeinen, sind als explosionsartig zu bezeichnen. Und die Entwicklung immer neuer, intelligenterer und schnellerer Hard- und Software verläuft progressiv.“ Semedé machte eine kleine Pause. Sie wandte sich dem Commodore zu. „Wenn ich bedenke, was sich auf diesen Gebieten in den letzten dreißig Jahren getan hat, ist es überhaupt kein Wunder, dass jemand wie du das hier für den Himmel hält. Man muss sich nur mal vorstellen, wie sich ein User fühlen würde, der zu deiner Zeit mit einem C64 oder einem vergleichbaren Personal Computer namens Atari gearbeitet hat, und dem man ein heutiges iPhone in die Hand drücken würde. Ein Computer mit interaktivem Touchscreen Display, 32 Gigabyte Haupt- und 256 Megabyte Arbeitsspeicher, überall internetfähig mit schneller UMTS-Funkverbindung, GPS Navigationsempfänger, drei Megapixel Kamera mit Akkulaufzeiten bis zu acht Stunden – und das bei einem Gewicht von 135 Gramm. Ach ja, telefonieren kann man damit natürlich auch noch.“ Der Commodore wurde bei dieser Aufzählung blass um seine Mattscheibe, aber er hörte weiter zu. „Der Sinn und Zweck eines einzigen Gerätes mit all diesen Hightech-Merkmalen mag infrage gestellt sein, aber es zeigt die momentane Machbarkeit und den gigantischen Wandel zu den Anfängen der ersten PCs. Das Nutzen des Internets mit eben diesen Handys, oder auch entsprechend ausgerüsteten Notebooks, ist heute schon Normalität. Das damals statisch angelegte Internet ist mobil geworden – es wird überall auf der ganzen Welt und rund um die Uhr genutzt. Die täglich weltweit übertragene Datenmenge im Internet wird in wenigen Jahren die Grenze von über vierhundert Petabyte überschreiten. Diese Zahl entspricht der tausendfachen Datenmenge aller jemals auf der Welt in allen Sprachen geschrieben Bücher.“ Schweigen. Selbst Semedé musste über ihre eigenen Worte und deren Bedeutung nachdenken – und dem Commodore rauchte die Hauptplatine. „Bitte hör auf mit dem Technikkram, sonst löse ich mich noch in Minderwertigkeitskomplexen auf. Erzähl mir lieber etwas über diesen Google.“ „Google verfolgt mit seinen Webcrawlern Links im Internet und impliziert sie in seinen Suchindex, der vor zwei Jahren den Wert von einer Billion Internet-adressen überschritten hat. Mit seinen Webrobotern wiederum filtert Google diese Unmengen an Seiten, um sie nach einem geheimen Verfahren nach Relevanz in seinen Suchergebnissen einzusortieren.“ „Ich verstehe nicht, warum das so wichtig ist“, unter-brach der Commodore. „Das Internet ist so umfangreich geworden, dass sich niemand mehr alleine zurechtfinden würde. Es gibt mehrere Billionen Internetseiten weltweit, die wiederum zahlreiche Unterseiten haben, die von knapp zwei Milliarden Internetnutzern besucht werden können. Google besitzt mittlerweile Unmengen an Daten und Einzelheiten von diesen Nutzern und über die Inhalte von rund achtzig Prozent aller Internetseiten. Google verbindet die Internet-nutzer mit deren Wunschinhalten aus dem Internet – denn Google weiß alles.“ „Ist Google Gott?“, fragte der Commodore nach einer kurzen Pause. Semedé lachte. „Der Vergleich ist gar nicht so schlecht. Für das Internet könnte man das so sehen.“ „Und warum mag Google dich nicht?“ Semedés Ausdruck wurde wieder ernst. „Wenn ich das wüsste“, antwortete sie traurig. „Meine Inhalte sind für jeden Internetnutzer von Relevanz – von großer sogar. Meine Botschaft ist an jeden Einzelnen gerichtet. Jeder Nutzer kann enorm von dem profitieren, was ich in Schrift und Wort berichte. Und auch optisch habe ich einiges zu bieten, oder?“ „Ich habe dir schon gesagt“, bestätigte der Commodore, „für mich siehst du aus wie ein Engel, und deine Stimme klingt auch so.“ „Ich lese jedem Besucher meine Texte vor, auf Wunsch mit verschiedenen Stimmen. Wenn du auf die Steine meiner Menüpunkte klickst, bewegen sie sich und machen Geräusche. Jedes Detail ist liebevoll in Handarbeit erstellt worden. Sogar die brennenden Kerzen sind animiert – sieht fast keiner, ist aber so. Und dann mein Meditations-Designer, auf dem sich jeder seine eigene individuelle Meditation zusammen-stellen und herunterladen kann. So was gibt es im ganzen Internet nicht.“ Jetzt wechselte ihr Display vom strahlenden Weiß in ein aschfahles Grau. „Aber wenn dein Google die Relevanz und den Nutzen für die User hoch einschätzt, muss er dich doch mögen.“ „Ich habe alles versucht, damit Google mich mag“, antwortete Semedé kleinlaut. Sie tat dem Commodore leid. „Na komm schon“, versuchte er sie zu trösten, „versink mir hier mal nicht in Selbstmitleid. Was hältst du denn davon, wenn wir ihn fragen?“ „Wen fragen?“ „Na, deinen Google. Wir suchen ihn und fragen nach, warum er dich nicht mag.“ „Du kannst Google nicht aufsuchen und ihn einfach so befragen.“ „Warum denn nicht? Lass es uns doch einfach ver-suchen“, sagte der Commodore und Neugierde kroch in ihm hoch. „Du hast doch eh´ nichts Besseres vor – und ich? Hey, ich bin im Himmel!“ |

